Nachrichten rund um die Initiative

6. August 2021

“Die neue Situation erfordert Unternehmertum und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen.”

Boris Hedde ist Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung (IFH KÖLNund Experte der Initiative für Gewerbevielfalt powered by Das Telefonbuch. Im Interview steht er Rede und Antwort zu aktuellen Themen rund um den Handel.

Herr Hedde, während die Inzidenzen sinken, nehmen die Impfungen einen konträren Verlauf – eine Aufbruchsstimmung ist spürbar. Über den Berg sind wir nicht zuletzt auch durch die Delta-Variante jedoch noch nicht. Wie ordnen Sie die Lage für den Einzelhandel ein?

Boris Hedde: In die Zukunft blicken ist aktuell nicht leicht, die Entwicklung der Pandemie zeigt gefühlt in alle Richtungen. Die Zahl der Leerstände nimmt zu. Deshalb ist es jetzt am besten, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen. Viele Händler haben in der Zeit des Shutdowns ihr Geschäftsmodell erneuert, Themen rund um die Digitalisierung in Angriff genommen und das Kerngeschäft optimiert. Gleichzeitig haben sich viele Unternehmen kostentechnisch „schlank“ gemacht, um die Durststrecke zu überbrücken. Hier kann man die Händler nur motivieren, genau dort weiterzumachen. Entscheidend ist jetzt der Aufbau von Nähe zu den eigenen Kundinnen und Kunden sowie die Sicherung der digitalen Präsenz und Kompetenz.

Corona wirkt als Katalysator in Sachen Digitalisierung. Dennoch ist das Erfolgsrezept eine „hybride Präsenz“ aus der Kombination eines digitalen Auftritts mit stationärem, lokalen Geschäft. Worauf kommt es jetzt ganz besonders an für den Handel?

Boris Hedde: Die Kundinnen und Kunden sind durch die Effekte der Coronapandemie sinnbildlich in den Onlinekanal gedrückt worden. Unseren Studien zufolge war die Erfahrung aus Konsumentensicht eine gute, sodass viele Konsumentinnen und Konsumenten angeben, auch zukünftig diesen Kanal nutzen zu wollen. Dieser Sachverhalt zwingt jeden Händler dazu, genau zu verstehen, welche Kundenanforderungen zu bedienen sind. Nachweislich ist ein Onlineshop nicht zwangsweise die richtige Lösung. Wichtig ist die Customer Journey genau zu beleuchten und zu prüfen, wo Digitalisierung eine Hilfe darstellen kann. Vielleicht ist es die Wahrnehmung allgemein, vielleicht ist es der Einsatz bestimmter Services, vielleicht ist eine Lösung auch in Bindungsmaßnahmen zu finden, um Loyalität zu sichern. Ohne Digitalisierung wird es zukünftig keinen Handel mehr geben: Beschaffung, Marketing, Vertrieb – überall werden die Anforderungen steigen. Entscheidend ist, dass man dort anfängt, wo Erfolg beginnt: bei den Kundinnen und Kunden. Gleichzeitig muss Digitalisierung auch nicht alleine umgesetzt werden. Ohne Kooperationen innerhalb der Branche oder lokal vor Ort wird es für die mittelständischen Händler nicht funktionieren. Das bedeutet vielfach auch eine neue Arbeitskultur und ein neues Selbstverständnis in der täglichen Arbeit im Handel.

Welche Top-Themen stehen auf der aktuellen Agenda von KMU? Welche Trends zeichnen sich aus Ihrer Sicht basierend aus Ihren Erfahrungen beim IFH KÖLN ab?

Boris Hedde: Es gibt den Spruch: Wer will, findet Wege und wer nicht will, findet Gründe! Dies gilt gerade jetzt für KMU: Die neue Situation erfordert Unternehmertum und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Dies ist bekanntermaßen anstrengend, aber alternativlos. Jetzt nur Hilfen fordern und externe Stakeholder wie Stadt oder Land rufen, wird die eigene Zukunft nicht sichern. An vielen Orten haben wir neue Zusammenschlüsse gesehen, den Aufbau gemeinsamer Services wie Lastenräder oder Gutscheinlösungen. Gemeinsame digitale Strategien konzipieren und mit Fördergeldern realisieren, ist jetzt das Gebot der Stunde. Dies erfolgt aber eben nicht nur von außen, sondern vor allem durch eine aktive Mitarbeit. Im Gegensatz zu früher sind viele Händler vor Ort dabei, die lokale Visitor Journey in der Gemeinschaft zu optimieren sowie die lokalen Akteure zu stärken. Das passt, denn Kundinnen und Kunden erwarten Bequemlichkeit, Erlebnis und soziale Interaktion.

Corona gefährdet die Gewerbeinfrastruktur. Viele Restaurants, Bars und kleine Läden melden keine Insolvenz an, sondern sperren ihr Geschäft einfach zu. Die Insolvenzstatistik gibt ein trügerisches Bild, denn es werden nur die Unternehmen erfasst, die als Kapitalgesellschaften zahlungsunfähig werden. Unternehmen, die einen privathaftenden Gesellschafter haben, der mit seinem Privatvermögen oder Eigenheim haftet, sind in der Statistik gar nicht erfasst. Zahlreiche Ladenbesitzer und Gastronomen verschwinden aus dem Stadtbild und kommen meist in keiner Insolvenz-Statistik vor. Welche Maßnahmen sollten Ihrer Meinung nach im Sinne der Gewerbevielfalt ergriffen werden?

Boris Hedde: Selten gab es so viele Förderprogramme zur Stützung des Mittelstands. Das ist der richtige Weg, um Vielfalt zu erhalten. Um lokal die Zukunft zu sichern, sollte Vielfalt aber auch systematisch hergeleitet werden. Einerseits kann mit Bürgerpartizipation vor Ort (siehe Beispiel Zukunftswerkstatt Fulda) erarbeitet werden, was zum jeweiligen Standort passt. Anderseits sind städteseitig Systeme zu implementieren, die Leerstand gar nicht erst sichtbar werden lassen. Digitales Leerstandsmanagement erfasst Leerstand nicht nur, sondern managed auch die passende Ansiedlung von neuem Gewerbe. Dabei gilt es auch abseits der klassischen Anbieter zu schauen, welche Nutzen und welche Angebote für spezifische Zielgruppen vorstellbar sind. Neben Essen und Trinken sowie Shoppen und Arbeiten sind Kultur, Kreativwirtschaft, Bildung, Handwerk und neue Branchen zu berücksichtigen. Nutzungsvielfalt und Mischnutzung sind hier Schlüsselbegriffe.

Ein weiterer Aspekt ist der Nachwuchsmangel. 2020 haben Schneider im Vergleich zum Vorjahr fast die Hälfte weniger an Lehrlingen eingestellt (-46%). Auch im Buchhandel (-21%) und in der Kosmetik (-25) ist diese Entwicklung zu beobachten – und nicht zuletzt wurden 22% und 21% weniger Ausbildungsverträge für angehende Restaurantfachmänner und Köche geschlossen. Ohne qualifizierten Nachwuchs ist davon auszugehen, dass es einen weiteren Rückgang der Anzahl der Läden, Geschäfte und Dienstleistungen geben wird. Wie kann diese Entwicklung gestoppt werden und ein positiver Verlauf eingeleitet werden? 

Boris Hedde: Grundsätzlich ist die demografische Entwicklung nicht kurzfristig veränderbar. Vielleicht können wir aber neue Impulse setzen, die mittelbar wirken. Unsere Analysen zeigen, dass für junge Menschen unsere Innenstädte immer weniger attraktiv werden. Hier sollten wir ansetzen. Wenn neue, nicht unbedingt kommerzielle, Angebote in der Innenstadt dazu führen, dass mehr Belebung mit jungen Menschen erfolgt, dann ist dies auch der Raum für die Rekrutierung junger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein Ansatz wäre es, die suchenden Arbeitgeber einzubinden, die Innenstadt für junge Leute attraktiv zu gestalten, beispielsweise mittels Events rund um E-Gaming, Virtual Reality oder ähnlichen Themen oder die Idee eines örtlichen Jugendclubs in der Innenstadt wieder zu erwecken. Auch moderne Bildungsangebote in der Innenstadt können ein Hebel sein. Im Ergebnis schlagen wir „zwei Fliegen mit einer Klappe“: Erstens wird die Innenstadt belebt sowie Leerstand reduziert und zweitens kann ein lokales Employer Branding örtlichen Unternehmen helfen, junge Mitarbeitende zu finden.

 


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